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Aufgenommen in der Düsseldorfer Kunstakademie, Tage der offenen Tür


Inside out – mehr Europa zum Wohl aller

Für Politik und Kultur, Zeitschrift des deutschen Kulturrats

Kulturpolitik in Europa ist erst im – informellen – Entstehen; wäre das nicht so, überließe man Wesentliches ausschließlich dem ‚Markt‘, der immer mehr einem Oligopol gleicht. Informell, weil die ‚Kompetenzen‘ limitiert sind; wäre das nicht so, ginge gar nichts; bliebe es allerdings langfristig bei langsamen Hochseilakten, wo das ‚Netz‘ wichtiger zu sein scheint als der mutige Schritt voran, verkäme Politik in der Tat zu Bürokratie, und die ‚Schuld‘ trüge ‚ausnahmsweise‘ der Klub der Mitgliedsstaaten, und nicht die viel und oft zu Unrecht gescholtene Kommission. Im Entstehen ist nun auch so etwas wie eine kulturelle Komponente in den EU Außenbeziehungen; wäre dem nicht so, vergäbe man sich eine Chance, die andere mit Verve und Dynamik nutz(t)en: was die Amerikaner ‚soft power‘ nennen, China mit hunderten neuen Konfuzius-Instituten demonstriert, und was letztlich Deutschland geholfen hat, sich in den Jahrzehnten nach 45 ganz neu und glaubwürdig aufzustellen, mit der Idee der Autonomie der Akteure (Goethe etc.).
Zwei Seiten also einer Medaille, die es erst als Rohling gibt. Wir alle schmieden sie. Wer sind wir alle?
Nun, bisher sind viele nicht daran beteiligt, den Wert und die Gravur dieser Medaille mitzugestalten.
• Zum einen das interessierte weite ‚Publikum‘, die ‚stakeholder‘, wie man das heute nennt, inbegriffen, etwa die Künstler. Dies gilt vor allem für die Kulturaußenpolitik im Entstehen: Bis dato finden die Debatten hinter den Polstertüren der Staatskanzleien und Kulturinstitute statt; wohl eher ungewollt die alte ‚Methode Monnet‘, die sich generell überholt hat, hier aber ihre wenig fröhlichen Urständ‘ erlebt.. MORE EUROPE möchte das ändern und geht ‚hinaus‘ in öffentliche Debatten, zu den Medien..
• Zum anderen wird in der kulturellen Strategieentwicklung nach außen in vielen Ländern der EU kaum bis gar nicht mitgedacht, geschweige denn mitgeplant, was es bedeutet, dass in den Städten bis zu 30, 40, 50% Menschen mit Migrationshintergrund leben. Kulturaußenpolitik ist oft noch sehr ‚homogen‘, ‚weiß‘, exklusiv in einer sehr bunten Realität und einem polyzentrischen globalen Bild. Der Gefahr der ‚double standards‘ ist man sich noch kaum bewußt, vor allem in der klassischen Diplomatie. Ausnahmen bestätigen die Regel, etwa die beherzte (kulturelle) Inklusionspolitik der ehemaligen Kolonialmacht United Kingdom.
• Außenkulturpolitik wird ‚innen gemacht‘; gar nicht paradox, wenn man sie überwiegend als klassische Repräsentationsdiplomatie begreift; als ‚Türöffner‘ für den Export etwa und als Mittel im ‚nation branding‘. Im Prinzip wissen schon alle, dass, weil die Welt sich so stark verändert, Zuhören wichtiger wird als Senden, Kooperation wichtiger als Demonstration, dass ohne authentischen Dialog oft das Gegenteil erreicht wird von dem, was man gern hätte. Warum also nicht mehr Gemeinsames im Denken, Planen, in der Ausbildung und Fortbildung derer, die im ‚Auslandskultur-Geschäft‘ tätig sind, weniger ‚die innen ohne die außen‘; das ‚Außen‘ prägt unsere Binnenwelten, und umgekehrt.

Ein Wort zu den Rahmenbedingungen für diese Debatten. Aus der Sicht der Bürger: es fehlt an Vertrauen, fast dramatisch, und zwar hinsichtlich unserer ‚inneren‘ Fähigkeit, Probleme zu lösen, die uns an den Rand des Abgrunds führen, und hinsichtlich der Kraft, Globalisierung (‚außen‘) so zu steuern, dass das Wohl aller die oberste Maxime ist. In anderen Worten, man misstraut unserer Wirtschaft-‚Ordnung‘ (das Wort Finanzkapitalismus steht dafür) und der Möglichkeit, das Gemeinwohl mitzubestimmen und zu kontrollieren, zunehmend natürlich über Grenzen hinaus. Dabei ist ein Begriffspaar zentral: Schon für unsere Kinder wollen wir, dass wir wettbewerbsfähig bleiben/sind/werden, und gleichzeitig wissen alle, dass viele große Probleme innen und außen nur durch Kooperation gelöst werden können.
Auslandskulturpolitik stellt sich daher heute in einem neuen polyzentrischen Koordinatensystem dar, wo Innen und Außen sich verzahnen, wo es um neue Balancen von Konkurrenz und Kooperation geht, und um die damit verbundene weithin geteilte Sehnsucht, Demokratie auch über die Grenzen der Staaten hinaus (z.B. und v.a. europäisch) zu stärken, und den ‚Kapitalismus‘ zu reformieren/ transformieren.
Damit wird deutlich, dass nationale wie (sie ergänzende) europäische Auslandskulturpolitik tatsächlich nur ‚politisch‘ zu denken ist, im Sinn von policy, nicht (bloß) politics. Wer hat den Mut, das nicht nur zu sagen (man hört es immer häufiger), sondern auch umzusetzen?

MORE EUROPE - www.moreeurope.org - ist eine zeitlich begrenzte zivilgesellschaftliche Initiative von Stiftungen , Bürgern, Bewegungen, unterstützt von ‚nationalen‘ Kulturinstituten ; das Ziel ist zunächst einmal, 2012 die Debatte um europäische Kulturaußenpolitik so offen und öffentlich wie möglich zu führen, nach innen und nach außen; weiters: Evidenz zu schaffen und zu kommunizieren, warum und wie Kultur hilft, neue Balancen zu finden, Dialog und Kooperation zu stiften, mit Konflikten umzugehen, Entwicklungspolitik nachhaltig zu verankern, eine neue Kultur der internationalen Beziehungen zu kreieren, auch beim ‚Aushandeln‘ (kultur-)wirtschaftlicher Interessen und Werthaltungen. MORE EUROPE will den europäischen Institutionen behilflich sein bei der Entwicklung guter ‚policy‘, und den Partnern im Netzwerk nationaler Kulturinstitute (EUNIC), sowie den zivilgesellschaftlichen Netzwerken; MORE EUROPE agiert also innen und außen….
Letztlich soll es Ende 2012 eine klare Richtschnur geben, wie policy (gute Koordination; Synergien; gemeinsame strategische Ziele; gute Praxis der Kooperation; Ressourcen etc.) für den neuen Budgetzeitraum 2014 – 2020 aussehen könnte.

Gottfried Wagner
Berater von MORE EUROPE