IV. Überlegungen zur zukünftigen Arbeit Europäischer Kulturinstitute


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I Synopsis:

Nichts ist mehr so wie es war (auch in der Auslandskulturarbeit). Es gibt keine Selbstverständlichkeiten mehr.

Die Aufgabe nationaler Kulturinstitute (KI) muß sich mit der zunehmend transnationalen Wirklichkeit ändern; zur Zeit beherrschen diesbezügliche Wider-sprüche die Strategien nicht weniger Akteure: in wessen Interesse tut man was, wo, mit welchen Mitteln? Diese Inkonsistenzen führen zu Wellen des In-Frage-Gestellt-Werdens (nicht selten Budgetkürzungen) und neuer Anläufe zu Konsolidierung und Expansion.

Die Interessenslage der Nationalstaaten in Europa - fast alle Mitglieder der EU - hat sich verändert. Immer stärker bestimmen Interdependenzen zwischen Ländern und Kontinenten, prägt die EU, sowie die Globalisierung der Wirtschaft (und nicht nur dieser) die Agenda. So wird auch KI-Arbeit mit europäischem und ‚globalem’ (nicht primär oder ausschließlich nationalem) Fokus immer wichtiger. In bestimmten Bereichen ist das Interesse ‚aller’ - nur scheinbar paradox - im unhintergehbaren Interesse der Nationalstaaten (wie auch im Interesse Europas).
Sowohl in einer Wettbewerbsperspektive (Ökonomie) als auch mit Blick auf die ‚Zwänge’ zum Kooperieren (etwa in Klimafragen, in Sicherheitsaspekten) ist Europa (sind die Mitgliedsländer der EU) global gefordert.

Entsprechend wird sich die Arbeit der KIs innerhalb der EU wohl substantiell ändern; die notwendige Transformation kann quantitativ bedeuten, dass einigermaßen umgeschichtet wird, hin zur globalen Arbeit; und qualitativ, dass die Arbeit ‚europäischer’ wird (und kooperativer). Die Arbeit aller Europäer ‚draußen’ gewinnt weiter an Bedeutung und hat Rückwirkungen auf das jeweilige Land und auf Europa als ganzes.

Alte Paradigmen werden ‚relational’ anders; es geht nicht mehr nur um, z.B., das Deutschlandbild oder ‚promotion’ etwa des ‚kreativen United Kingdom’. Diese ‚Mandate’ bleiben partiell wichtig (und erscheinen manchmal als neuer ‚hype’), Kulturinstitute werden jedoch, wenn sie auf der Höhe der Zeit sind, agents of change, in einer Welt, die das gemeinsame Wohl neu definieren muss.

Europäische KIs vertreten europäische Standards in einer unsicheren Welt, zu diesen Standards gehören Partnerschaftlichkeit, das Zuhören, das Bekenntnis zur fairen Zusammenarbeit, das Ringen um den Nutzen für alle, um Nachhaltigkeit und friedliche Konfliktlösung, um Demokratie und Freiheit. Dazu gehört vornehmlich auch die lustvolle Verteidigung des scheinbar Zwecklosen - der Kunst.

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II Kulturvermittlung funktioniert in Europa immer weniger entlang ‚nationaler Kanäle’. Unsystematische Beobachtungen zu Organisationskultur und ‚Klientel’

1. KIs innerhalb Europas haben ein Problem mit dem ‚Publikum’, mit dem ‚Markt’. Viele potentielle ‚Kunden’ wählen nicht oder sehr selten nach ‚nationalen’ Gesichtspunkten und Programmen aus.

2. Natürlich kann schiere Quantität nicht alles sein; und ja, Multiplikatoren zählen; in der Tat, es gibt eine wachsende Zahl von ‚außer-Haus-Programmierungen gemeinsam mit Partnerinstitutionen vor Ort. Aber die Frage nach dem (schwerer zu evaluierenden) outcome ist auch eine Frage nach dem output, vor allem wenn die Kosten hoch sind: teure Infrastruktur vor Ort; Personalkosten; das Missverhältnis wird dort als besonders krass erlebt, wo das operative Budget besonders niedrig ist.
Es überrascht daher nicht, dass es Tabus gibt: die Frage der Zahlen. Es scheint ein Geheimnis um klare Zahlen zu geben, sowohl bei Budgets wie beim Publikum.

3. Auch die ‚neuen Spieler’ aus den Ländern Mittelosteuropas, die KIs aus den ‚jungen’ EU Mitgliedsländern, bleiben trotz großer, verständlicherweise besonders ambitionierter Anstrengungen von diesen Trends nicht verschont. Zweifellos ein Dilemma, vor allem angesichts des starken Bedürfnisses, Aufmerksamkeit zu ‚wecken’ oder Bilder ‚zurechtzurücken’. Die Frage stellt sich allerdings auch da schon, was mit großen Häusern und wenig operativem Budget erreicht werden kann, bzw. ob Arbeit an Stereotypen nicht ganz andere Medien und Anstrengungen erforderte.

4. Wichtig war/ist die Rolle von KIs als Mittler von Information, Expertise und Kontakten. Allerdings haben die allgemeine Internationalisierung (vor allem im Kunst- und Kulturbereich), die Mobilität und die neuen Technologien die Bedeutung der KIs in der europäischen ‚Nachbarschaft’ abnehmen lassen. Sie werden dazu weniger gebraucht. Kultur-Netzwerke (spartenspezifisch oder nicht) haben an konkreter Wichtigkeit zugenommen, etwa ELIA für die Kunsthochschulen, EFAH für die Politik, IETM für performing arts, ENCATC für Training und Managementausbildung, Europa Nostra für kulturelles Erbe etc.); sie agieren inter- bzw. transnational und mit sehr praktischen und oft tiefen Kontakten und Kenntnissen in alle Richtungen.

5. Der Vorteil der KIs, quasi offiziell zu agieren, kann außerhalb Europas von großem Nutzen sein, innerhalb der Union wird die Ent-Formalisierung der Kulturarbeit (es gibt ja auch immer weniger traditionelle ‚Kulturabkommen’!) dann behindert, wenn trotz der Erfahrung mit anregenden und interessanten, kundigen, kritischen, weltoffenen, flexiblen, sehr oft ‚europäisch’ denkenden Kollegen die Staatsnähe, die ‚Bürokratie’, die ‚Diplomatie’, das Festhalten am engen ‚nationalen Mandat’ Kooperation eher verhindert als befördert. Die Personalauswahl erfolgt bei manchen auch nicht immer nach kulturellen Kriterien, und die ‚relative Unabhängigkeit’ steht nicht selten eher auf dem Papier. Hier gibt es eine unsichtbare ‚Skala der Autonomie’, bei der z.B. Goethe ganz oben zu ‚ranken’ wäre, sehr zum Nutzen von dessen gutem Ruf (vor allem in ‚schwierigen’ Ländern außerhalb Europas, wo diese Autonomie der essentiellen guten Verankerung in der Zivilgesellschaft zugute kommt).
Bei multilateralen meetings ist daher manchmal die Enttäuschung groß, sowohl inhaltlich, als auch was die Umsetzungsfähigkeit betrifft, weil unterschiedlichste Organi-sationskulturen und Kulturen des Umgangs mit Autonomie aufeinandertreffen. Noch schwieriger kann das bei ‚gemischten’ meetings werden, wo ‚Kulturdiplomaten’ alten und neuen Stils und ‚arms-length-autonome’ Kulturmanagern zusammenkommen. Die Heterogenität macht auch EUNIC zu schaffen, und es ist aus nachvollziehbaren Gründen nicht einfach, Kompromisse nach dem Motto ‚lowest possible common denominator’ zu vermeiden.


III ‚Radikales’ Zukunftsszenario für KIs in Europa: Transformation


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Aus den beschriebenen Gründen scheint eine Veränderung der Präsenz europäischer KIs in Europa unumgänglich; dazu kommt der immense Bedarf ‚overseas’ (Goethe hat etwa ca. 30 Standorte in Europa, in China jedoch nur 1 (Beijing), 1 in Hongkong, und eine Kulturabteilung der Botschaft in Shanghai).
Dennoch mag es gute Gründe geben, eine gewisse gut komponierte Präsenz in Europas Städten zu halten. Daher geht es nicht in erster Linie um ‚Abbau’ bzw. ‚Rückbau’ der europäischen Institute in Europa, sondern um Transformation und Vorsorge für diese Transformation. Die Transformation kann verschiedene Formen annehmen, je nach lokalem Bedarf und jeweiliger strategischer Einschätzung. Jedenfalls sollte die Debatte ‚rationalisiert’ werden, d.h. sich auch nicht um kritische Effizienzfragen zu drücken, allerdings auch ‚kulturell’, d.h. outcome nicht auf bloßen output zu reduzieren.
Als sinnvoll scheint sich in den Debatten folgendes Vorgehen herauskristallisiert zu haben:

1. Analyse des mittelfristigen standortspezifischen Zukunftsbedarfs, wobei sich auch Verschiebungen von einem Standort zu einem anderen, neuen ergeben können (aufgrund von Bedeutungsverschiebungen). Die Analyse muss umfassend argumentiert und in ihren Ergebnissen zwingend sein, und sollte Transparenz nicht scheuen müssen.

2. Sicherung von Standortbudgets: es ist essentiell, dass die neuen Präsenzen ihre neuen Aufgaben erfüllen können. Es macht keinen Sinn, die Gesamtorganisation aus den Augen zu verlieren (globale Umschichtung!), aber sie oder Teile von ihr dürfen auch nicht ‚zu Tode frustriert’ werden. Es bedarf daher eines mit der Standortstrategie und der globalen Strategie verknüpften ‚Staatsvertrags’ mit der jeweiligen Organisation, dass das Gesamtbudget nicht sinkt.
Die zukünftigen lokalen Budgets europäischer Standorte könnten unterschiedlichen Ursprungs sein: generiert aus z.T. den Ersparnissen, die aus der Verkleinerung stammen, z.T. aus dem Immobilienverkauf bzw. Investment, aus anderen Einnahmen (Sprachkurse z.B.), und aus zentralen Zuwendungen.

3. Standortformate: Es scheint, als würde die Einrichtung von kleinen Antennen, liaison offices (wie immer man das nennt) an europäischen Standorten, durchaus ‚getestet’, etwa durch Pro Helvetia nach 1989 in MOE, am meisten Sinn machen. Dies muß verbunden werden mit der Definition der Stand-ortprofile: Festlegung von Aufgabenprofilen per Standort.

4. Die neuen Standortprofile und Standortformate gehen einher mit neuen Anforderungen an das Personal. Auswahlkriterien müssen neu festgelegt werden, Vertragstypen (befristet und standortspezifisch) ausprobiert werden, und die Aus- und Weiterbildung wird sich anpassen: alles in Richtung professionelles Kulturmanagement, mit möglichst hoher Standortkenntnis plus interkultureller Erfahrung und Sensibilität.

5. Kooperation: Zusammenarbeit wird wesentlicher denn je zuvor. Das betrifft lokale Kultureinrichtungen und mögliche Partner vor Ort wie auch die Zusammenarbeit mit am Ort tätigen KIs anderer Länder, ob im Rahmen von Eunic oder in flexibleren Koalitionen entscheidet sich je nach Opportunität. Kooperationskonzepte sind für jeden Standort zu erarbeiten, und zwar ex ante, sowie am Start des neuen Teams: Ausarbeitung von Jahres- und Mehrjahresplanung, lokal, europäisch, international und themenspezifisch.

6. Bereitstellung von zentralen Angeboten (optional und obligatorisch, mit der Möglichkeit lokaler Adaptation). Dabei ist darauf zu achten, dass diese ‚Meta-Programme’ nicht zu mehr oder weniger hohler und letztlich beliebiger top-down Programmierung im Sinn politischer correctness führen.

Manches von dieser Entwicklung ist schon länger unterwegs, nicht in allen KIs, und mit unterschiedlichen Schwerpunkten.
Man hört dagegen oft, daß diesen Fragen nicht selten politische Entscheidungen vorangehen oder folgen; solche seien für die eigentlichen Kultur-Experten schwer, und wenn überhaupt, dann durch Transparenz und kluge öffentliche Debatte steuerbar.

Ein solch ‚radikales’ Paket der Transformation innerhalb Europas müßte im Gesamtkontext der großen tektonischen Verschiebungen (global) entwickelt und öffentlich diskutiert werden. Innen und Außen lassen sich nicht wirklich trennen.


IV Die großen Verschiebungen

1. Transnationale Realitäten: Es ist logisch, daß nach dem Paradigmenwechsel zu post- oder zumindest transnationalen Realitäten (die EU ist entscheidend für das Schicksal aller!) nationale KIs ihre Interessen (sowie die Staaten hinter den KIs ihre Interessen) nicht mehr nur national definieren können. Transnationale Ziele ergänzen, ja ersetzen teilweise die nationalen im engeren, besser: alten Sinn. Vollzieht man das nicht explizit und mit dem nötigen Selbstbewußtsein nach, oder nur teilweise, kommt man aus den Widersprüchen nicht heraus (siehe diverse Strategiepapiere, in denen neue Transnationalität proklamiert wird, dann aber doch auf eng national definierte Steuerzahler-Argumente rekurriert wird).

2. Globale Realitäten: Kapital, Umwelt, Mobilität etc. begründen globale Interdependenzen, die das Schicksal aller wechselseitig bestimmen, inklusive wachsender diffuser Sicherheitsfragen. Es ist daher logisch zwingend, daß Kulturarbeit auch im Interesse der ‚Nationalstaaten’ globale Ziele hat. Diese sind oft nicht nur von Konkurrenz (Wettbewerbsfähigkeit), sondern vermehrt auch von Kooperation geprägt: von der Notwendigkeit gemeinsamer Transformation der Systeme; dem gemeinsamen Wohl und Überleben. Bei Fragen des größeren Gemeinsamen und der notwendigen Zusammenarbeit aller handelt es sich immer auch um Fragen, die ein bestimmtes politisches und kulturelles Klima benötigen, um kohärent angegangen werden zu können.

3. Das ‚Produktionsparadigma’: Bloße kulturelle ‚Repräsentation’ von Ländern/Städten bleibt in bestimmten Momenten wichtig, wird aber leer, wenn sie dominiert; bloße ‚Reproduktion’ von Kultur woanders reicht nicht mehr aus, um den gemeinsamen globalen Herausforderungen gerecht zu werden. Kulturarbeit ist auch nicht nur Vermittlung; sie wird in Zukunft ‚Zukunft produzieren’ müssen, selbst ein agent of change sein; das heißt nicht, sich selbst immer wieder und in kürzesten Abständen ‚change’ zu verordnen, sondern langfristig Stellung zu beziehen, manchmal deutlich Partei zu ergreifen für die Freiheit, für das Prinzip der Kooperation, für den Wandel im Interesse der Gemeinschaft und Gesellschaft. Dann wird Kulturarbeit von KIs, die einen langen Atem hat, und lokal präsent ist, wichtig und interessant für die Zivilgesellschaft, für die Jungen, ja sogar für große Adressatenkreise in manchen kritischen Situationen. Wenn das Engagement spürbar ist, fair und am gemeinsamen Interesse orientiert, werden neue Bündnisse möglich (dies gilt nicht nur für ‚gerade heiße’ Zonen wie den südlichen Mittelmeerraum ).

4. Standards setzen: Gar nicht pathetisch gesprochen, sind KIs, wenn sie ihren Aufgaben heute gerecht werden, Teil der Europäischen Standards, fast so wie Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaat, good governance. Sie können ‚Botschafter’ im neuen Sinn sein, Botschafter des europäischen Erfolgsmodells transnationaler Kooperation und Konfliktlösung, des Blühens von Kunst und Kultur über Grenzen hinaus – quasi kulturelle Agenturen der Freiheit der Kunst, der Freiheit in der Kultur; der Kultur der Verantwortung.
Daher ist es logisch, daß es nicht nur und vordergründig um quantitative efficiency geht, sondern um das erfolgreiche und aktive, lustvolle Verteidigen und Durchsetzen des scheinbar Zweckfreien. Der Kunst.
Gute europäische KIs halten die ‚europäische’ Stellung in einer Welt der Ökonomisierung von Kunst und Kultur und des Marketings.


V Inhaltliche Neubestimmung der ‚nationalen’ Interessen


Dazu kommt es zwangsläufig im Gefolge der tektonischen Verschiebungen:

1. Alle KIs der großen Staaten des Westens laufen tendenziell Gefahr, ihre Bestimmung zu verlieren, damit ihre Bedeutung, oder immer wieder angeknabbert und in Frage gestellt zu werden, wenn sie nicht radikal umdenken. Das tun sie zum Teil, aber immer wieder widersprüchlich, und das hat mit Angst zu tun.
‚Accountability’, den Interessen des Steuerzahlers gerecht zu werden, wird so unter bestimmten Umständen ein Schlagwort, ein Totschlagsargument, in der Angst, die Legitimation zu verlieren. Mit ‚nationalen’ Konkurrenzargumenten allein bleibt eine Zukunftsstrategie allerdings halbherzig, die Lage prekär. Dabei wäre der Widerspruch lösbar, wenn man umdenkt.

2. Wenn umgedacht wird, argumentiert man auch ganz anders: KIs der Zukunft helfen Zukunft zu produzieren, sind ‚agents of change’ im Szenario globaler Unsicherheiten, Krisen, Herausforderungen. Das nationale Interesse ist seit gestern und vorgestern schon ein trans-nationales, ein europäisches, v.a. aber ein globales. Unheil abzuwenden, gemeinsam das Leben zu sichern und zu gestalten, die Erde nicht zu Tode zu konkurrenzieren, Kooperationsfähigkeit zu lernen, das Wirtschaften umzustellen etc., das Zweckfreie zu schützen, die Freiheit, die Freiheit der Kunst: das liegt im Interesse aller, v.a. aber auch im Interesse der ‚alten’ Demokratien, von Gesellschaften, die von Angst geprägt sind, z.B. gegenüber denen, die ‚hungrig’ sind.
KIs können zu den modernen Aggregaten des gemeinsamen Umdenkens werden.

3. Dieses Prinzip kann dann ‚runterdekliniert’ werden. Man kann direkte und indirekte nationale Interessen und offensichtlich gemeinsame unterscheiden.

a. Tabulose Klärung der ‚direkten’ ‚nationalen’ Interessen, aber auch dessen, was es (noch) heißt, diese im (jeweiligen) europäischen Partnerland zu vertreten, mit nüchternen Zahlen, needs assessment, impact, Klärung der competitive (dis)advantages, Alternativen, etc.
• Z.B. historische, kulturelle, ökonomische Voraussetzungen und Rahmenbedingungen sowie Erwartungen an bestimmten Standorten, in Welt-Regionen
• Z.B. Nutzung ‚kulturökonomischer’ Chancen und Minimierung von potentiellen kompetitiven Verlusten am ‚Markt’ – durchaus auch im Interesse der ‚Produktiven, Kreativen’ und der Kulturvermittler (‚Export’; Attraktion von ‚kreativem Potential für die eigene Wirtschaft)
• Z.B. Politische Prioritäten und Ziele (länder-, regions- und europaspezifisch) und ‚dialektische’ Diskussion rund um das Stichwort ‚Instrumentalisierung’ von Kultur

b. Klärung der ‚vermittelten’, indirekten Interessen, z.B. der nationalen Interessen im europäischen/globalen Rahmen;
• Z.B. gemeinsame Interessen gegenüber Themen, gegenüber Drittländern, oder in bestimmten Regionen etc. (z.B. Nachbarschaft Ost/Süd)
• Z.B. Kooperation mit oder sogar Unterstützung der Aktivitäten anderer, etwa kleinerer KI’s oder zivilge-sellschaftlicher Organisationen, wenn sie gemeinsamen Vorstellungen verpflichtet sind bzw. diese befördern (Menschenrechte, Demokratie, Sicherheit) mit der jeweiligen ‚competitive advantage’.
• Z.B. das Interesse an einem bestimmten Kulturbegriff (etwa Verteidigung der Freiheit der Kunst, oder des Rechts und der Verpflichtung der öffentlichen Hand, Kulturpolitik zu gestalten)

c. Klärung der gemeinsamen europäischen und kosmopolitischen Interessen
• Z.B. globale Herausforderungen (s.o.) und gemeinsame Strategien, wie Kultur darauf ‚aktiv reagieren’ kann, soll
• Z.B. gemeinsame Interessen an der Entwicklung europäischer Politik und Praxis und der kulturellen Dimensionen davon

Bei solchen Einschätzungsprozessen ist es wichtig, top-down und bottom-up gut zu verzahnen (‚Vergesellschaftung’ von Kulturpolitik....)


VI Kleiner Exkurs zu Aspekten der Sprachen- und Informationspolitiken:

1. Überprüfung, ob Annahmen zur Bedeutung von Sprachenpolitik noch stimmen; in der Sprachlernlandschaft, die sich 1989 in Europa deutlich verändert hatte, haben sich seither neue Verschiebungen ergeben . Jedenfalls sollten sprachpolitische Ziele neu justiert werden , in den Zentralen, lokal und regional, bis hin zu Fragen, wo welche zertifizierte Sprachschulen was (vielleicht sogar besser oder kostengünstiger) machen (können).

2. Für manche KIs ist die Spracharbeit an bestimmten Standorten nicht nur absolut dominierender Teil der Arbeit, sondern auch wesentlicher Teil der budgetären Flexibilität (Einkommensgeneration). Programmabteilungen sind an solchen Standorten ein kleiner Teil der Organisation. Für solche Standorte von größeren KIs und für die Zentralen stellt sich die Frage nach der Strategie, im Spannungsfeld von neuen kosmopolitischen Inhalten und Sprachförderung, und im Spannungsfeld von Instituts-Expertise und Politik.


3. Technisch mag für einige (größere) der weitere Ausbau einer Art Holding-Struktur mit deutlicher ‚Funktionalität’ des Sprachenbereichs eine Antwort sein, im Kontext von ökonomischer Effizienzprüfung, bzw. von Investitionsplänen und der Allokation der ‚Einnahmen’.

4. Inhaltlich kann eine strukturelle Evaluation der Sprachpolitik der Gastländer (Schulen, Curricula, Lehrer, Unis) zu einer Intensivierung der und der pädagogischen Fachbetreuung führen (train the trainers).

5. Bei den Bibliotheken/Infostellen stellt sich zumindest in den Mitgliedsländern der Union die Frage, ob und wie Aufgaben und entsprechendes Material an Gastorganisationen übergeben werden können und sollen, vor allem aber auch, inwieweit bestimmte Info-Belange synergetisch gemanagt werden können, und die Frage, ob on-line Möglichkeiten nicht wesentlich wichtiger geworden sind. Auch Fragen der Digitalisierung können/sollten KIs stärker beschäftigen.


VII Innenraum und Außenraum - Wie die Arbeit außerhalb Europas auch die Arbeit in Europa beeinflusst und umgekehrt:


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1. Kulturpolitik wird generell wichtiger, weil es - post-materiell - um ‚Bedeutung’ und ‚Kohäsion’ geht. Nach dem Bedeutungsverlust vergangener ‚Narrative’ treten Kultur und Kunst oft an die Stelle von traditionellen Systemen der Kommunikation und Organisation von ‚Sinnüberschuß’ (D. Baecker), individuell und kollektiv.
In ‚post-fundamentalistischen’ Zeiten stellt sich die Frage der Gestaltung einer produktiven politischen Kultur anders und vehement, v.a. in Gesellschaften, die ‚Angst vor sich selber haben’ (Luhmann).
Eine neue Kultur der Verantwortung als Herausforderungen steht mit im Zentrum zukünftiger nationaler und internationaler Kulturpolitik, v.a. einer solchen, die sich gegen die ‚Kulturalisierung’ von Konflikten und der damit verbundenen Instrumentalisierung von Kunst und Kultur zur Wehr setzt.
Eine solche kann folgerichtig nicht mehr (nur) top-down formuliert werden, sondern nur partizipativ, gewissermaßen als ‚Vergesellschaftung von Kulturpolitik’.
Dies gilt auch für nationale (und europäische) Kulturaußenpolitik, und die Verbreiterung von Strategieentwicklung wird auch eine Aufgabe von (auch gemeinsamen) Anstrengungen der KI’s werden.

2. Kulturarbeit im weitesten Sinn muß sich in Zukunft mit den großen globalen ‚Revolutionen’ beschäftigen, oder jedenfalls viel intensiver als bisher. Dazu zählen die Nachhaltigkeitsfrage, die Zukunft des Wirtschaftssystems Kapitalismus (beide Fragen verbindet vieles, v.a. aber die überlebensnotwendige Neubalancierung der Prinzipien ‚Konkurrenz’ und Kooperation’); aber auch Fragen der (globalen) Migration, der Gerechtigkeit, der Freiheit, sowie Fragen der kulturellen ‚Werte’ versus ‚Kulturalisierung’.
Dazu dienen u.a. die Initiierung von, und die Beteiligung an trans-disziplinärer kulturpolitischer Grundsatzdiskussion – national und international, mit den relevanten Ministerien und nationalen Partnern (z.B. Wirtschaft, Künstlerverbände, entwicklungspolitische Agenturen, kulturelle NGOs und andere wie Greenpeace, Attac etc...) unter starker Berücksichtigung polit-ökonomischer, friedens- und sicherheits-politischer, menschenrechtspolitischer und kultur-ökonomischer Gesichtspunkte. Dieser Prozeß sollte zügig (und imperfekt) erfolgen, öffentlich nachvollziehbar und ‚offen’ erfolgen, d.h. an bestimmten Punkten gemeinsam mit…, z.B. mit den ‚betroffenen’ Partnern im Land (‚Innen’) bzw. in den Ländern, in denen KIs tätig sind (‚Außen’).
Wie innenpolitisch muss auch außenpolitisch eine klare ‚Agenda’ für Kulturarbeit ohne Tabus entwickelt werden, multidimensional und nicht nur ‚instrumentell’ im engen Sinn.

3. Europäische Synergien bzw. gemeinsame Initiativen sind für die Kultur-‚Innenpolitiken’ bereits gute Praxis geworden; nun muss man diese auch für die ‚Kulturaußenpolitiken’ definieren und planen. Dabei soll auch, aber nicht nur im Rahmen von EUNIC bzw. der EUNIC-Clusters gedacht werden, und unorthodox; Zum Beispiel könnte kulturpolitische Arbeit eines Instituts wie Goethe im arabischen Raum gemeinsam mit einem Land mit massiver Transitions-Erfahrung, z.B. Polen , wesentlich besser auf die Transitions-Erfordernisse abstellen.

4. Dazu gehört in Zukunft ein stärkeres und ‚meßbares’ Engagement beim Internationalisieren der eigenen Auslandskulturarbeit und beim Aufbau einer europäischen Kulturaußenpolitik, etwa im Bereitstellen von Personal, Budget, Raum für ‚Labors’ (Experimente), und Aus- und Fortbildung (offen und international) der Menschen, die aktiv in der Auslandskulturarbeit tätig sind.
Institute wie Goethe oder Länder wie die Niederlande sind dabei besonders wichtig, weil sie die tiefsten und längsten Erfahrungen mit arms-length-policies verschiedener Art haben, und mit Autonomie - bei gleichzeitiger staatlicher Richtlinienkompetenz. Diese Erfahrung ist essentiell für die Vermeidung neuer bürokratischer Strukturen und Prozesse, u.a. auch beim Aufbau möglicher (absolut notwendiger) europäischer (Kooperations-) Strukturen.

Diese neue Verbindung von Innen (Staaten, EU) und Außen (globale Kulturarbeit) entspricht der realen Verschränkung zwischen lokaler, nationaler und globaler Ebene. Sie sollte Grundprinzip fast jeder konkreten kulturdiplomatischen Initiative werden.
Dies entspricht auch immer mehr der Arbeitsweise der Künstler und der Gewohnheiten des Publikums.
Und schließlich sind die modernen Kommunikationstechnologien schon längst ‚glokal’.


Gottfried Wagner
Ende März 2011