Rascheln

nebenan wohnt eine alte Frau, moritz, die hat schraenke voll seide und chiffon, hauchduenne kostbarkeiten, in cremefarbenes papier gewickelt, jedes stueck hat seine lage seidenpapier.

da raeumt sie dran herum, ich weiß nicht, wie; sie richtet und raschelt dran rum, streicht dran vorbei und es raschelt, streicht ueber den fund, die wahl des tages, und es raschelt, so stell ich es mir vor, den ganzen tag; es raschelt, wenn man an ihrer tuer vorbei, es raschelt, wenn man die ohren spitzt bei offenem fenster an ruhigen sommernachmittagen, es raschelt, wenn sie geht, ich denk, sie hat immer einen teil ihres schatzes an sich, ist schicht fuer schicht in papier gehuellt, rock ueber rock, und drueber das weiße gesicht mit dem schwarzen lidstrich, trippelt sie durch den struppigen park vor dem haus, moritz, sie ist wie die botschafterin des was-koennte-leichter-sein-landes.
ein hauch und ein knistern, dem weder die große fuelle noch die dumpfen und spitzen, lauten laute, etwas, nichts! anhaben. koennen.
oder die botschafterin des was-kann-ich-tun-um-nicht-landes, ach was weiß ich.

legt sie noch ihr herz in seidenpapier, bevor sie ausgeht, und ihre leber? und wenn sie spricht, wickelt sie nicht jedes wort in papier, wie bonbons, die guten?
ich hab sie nie besucht, sagt taki, wenn sie am rascheln war. immer wenn ich einlass bekam, war sie so ruhig und still an ihrem schneidertisch, in sich gesammelt, kaum eine bewegung, die schraenke geschlossen, das herz am fleck, daß nichts raschelte.
als waer nichts.

taki, hast du manchmal an deiner wahrnehmung. gezweifelt? an chimaeren gedacht?
ja, hab ich. aber, moritz, ich bin mit dem rascheln aufgewachsen, mir kann niemand, was vormachen, ich kann genau unterscheiden, meine ohren sind superfein, geeicht von kindheit an, ich kenn die chinesische seide am klang, kann kanton-seide von der hokkaido-seide unterscheiden, ich weiß, wie das ist, wenn jemand ein seidenroeckchen anzieht, oder auszieht: das streifen der seide am hoeschen, und die frau nebenan laesst mich an generationen denken, die damen meiner kindheit in kyoto, die bei meine mutter reinhuschten, mit einem ballen in der hand, leichthin und schwer, aber alle verschattet, als gingen sie zum schrein.
oder zum liebhaber, fragt moritz.

alter mann, sei so gut, laß es beim rascheln der zweiten und dritten seidenen haeute. mag ja sein, daß sie dann irgendwann, mit einem neu angemessenen rascheln, zu einem mann. nicht ihrem. obwohl ich dran zweifle. traum. japan. in den fuenfzigern. bessere kreise. da haette noch das feinste rascheln sie verraten.
so gesehen, sagt moritz, war das rascheln ja kontra.
nein, ich denk mir das rascheln als den inbegriff. das unbegriffene. das prinzipiell moegliche ferne. der klang aus dem land wo alles. leicht. ist.
und schwer wird?

taki, meine mutter war auch, sagt moritz.
schneiderin.
hat es auch geraschelt?
vor jahrzehnten. ja, aber ich konnt nichts unterscheiden. rascheln war quasi das weihnachtsgloeckchen, das mich rief: es ist soweit. es ist angerichtet. das christkind raschelt. war der zeitpunkt fuers schluesselloch.
beide damen am richten, halten, anstecken, hochstecken, verschieben, messen, stillhalten, drehen, wenden, sich betrachten, mutter haelt, assistiert, schlaegt vor, bestimmt, fragt, tut so als ob, schafft, schafft an. der moment wo keiner zur tuer kommen wird, keine mich aufspueren wird, kein nachsehen, kein rauseilen; ich hatte, meine minute, mehrere, des raschelns und des rauschens im blut, kinderblut, knabenblut, nackte schulter, unterwaesche, ein strumpfband, rasch hochgezogenes hoeschen, das christkind, schlank, dick, engelchen, matrone, so raschelt es sich, rascheln sie sich durch mein leben, fast, taki; ich hoers nicht, ich hoers schon, aber es ist ein rascheln, nicht viele, es ist das rascheln, schlechthin, das schauen, das.

taki fragt: das mutter-rascheln? ja, taki. es ist all-gegenwaertig, das rascheln im bus vis-a-vis, das rascheln im aufzug, das rascheln im bureau, hier, dort, ueberall. es raschelt seit ewigen zeiten.

moritz, du hast. ich hab; meine nachbarin.
valse hot. (kennst du’s? takase 1990.) ist das die weise wie die dame mit dem seidenpapier, die ihr herz noch, wenn sie ausgeht?
und wenn du sie besuchst, hat sie ihr herz dann?
an, meinst du?

takase ist auch alt geworden.
ja, erschreckend, fuegt moritz hinzu. man muß ihre falten rascheln hoeren, denk ich manchmal.
ihr seid hart. maenner.
sag jetzt nicht: ‚maenner’. man muß jedes stueck leben lieben. dann werden noch die tiefsten graeben. spuren. die du liebst.
ich weiss.
nur wenn du’s nicht ablegst, jedes stueck leben, in seide, herz in seide; leber auch?
witzbold.
hast du aber gesagt.
ok. dann sieht’s eben. so. aus. sieht man’s eben.
raschel nicht so.


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