Rueckwaertsgang?
die frischen blaetter rollen sich wieder zusammen, ziehen sich in ihre pelzigen kapseln zurueck, der baum schluckt sie; das gruen wird braun, und grau, schneeflecken tauchen auf, hier und da, und der eisige nordwind laesst den fluss erzittern, und die menschen.
kalenderblaetter rascheln zurueck, die uhr geht verkehrt, tage kommen zurueck, wochen sind nicht vergangen, bald ist’s das alte jahr, again.
gar nicht gelassen steigt der tag ans land. es liegt grosser streit in der luft.
schreibpapier leert sich, buchstaben werden gefressen, von unsichtbarer hand radiert, woerter ziehen den schwanz ein und treten den rueckzug an. seite um seite wieder weiss. sorgen vergessen. stunden auf’s neue zu fuellen, das maß ist leer, zeit und raum und energie sind neu zu bestellen, der bauer aechzt im winterschlaf, holz machen, das waer’s. alles andere hat zeit.
viel zeit haben und noch ein paar monate juenger sein.
moritz kann sich noch einmal entscheiden, was er tut mit seinem zeitpaket, dem geschenk. max war noch nicht beim mister vorsteher. jan ist noch nicht ins herz gefahren worden. alles scheint noch offen, so wie es jetzt offen scheint fuer die linie von jedem gewaehlten nullpunkt an in die zukunft.
moritz kann sich enthalten; kann sagen, das tu ich nicht; darueber schreib ich nicht; den laß ich da draußen; jenen setz ich nicht aus. kann weglassen, camouflieren, erfinden, was tun anstatt; loeschen, und was anderes schreiben statt dessen. kann die ganze uebung noch anhalten, die blaetter einrollen, sich in ihre kapseln zurueckziehen lassen, unscheinbar werden lassen, verborgen, versteckt, im wintermantel, unter’m schnee.
blatt um blatt unbenutzt aus dem drucker nehmen und zum vorratsstapel legen; weiß und leer, nichts verratend, nicht verraeterisch.
samen bleiben lassen; das keimenlassen aussetzen, bis zu einem anderen zeitpunkt, in einem anderen leben, einem anderen kosmischen moment, oder simpler, bei besserem wasserhaushalt, wenn die wuestenblumen treiben, aus ihrem microchip gesteuert, wenn genug stoff da ist, kann auch ein anderer moritz – nein, kann er nicht – austreiben, zu schreiben beginnen.
noch mal die wahl: erspar dir den aerger, die sorge, die angst: mit dem gekritzel; vor dem schreiben.
genier dich nicht fuer das, was du nicht kennst, noch nicht kannst.
tu was du kannst. was sinn macht, wenn du andere fragst.
was aber waer das? wen fragen? und wie viele? sinn?
tu was du selbst, wenn du dich selbst,
hoer auf dich, usw.
aber das hast du ja getan, sagst du. das war’s doch genau. eben. das projekt.
mein lieber, alt wirst du so und so, mit oder ohne. und der mehrwert der notate, des erfindens, verstrickens, verknuepfens, ist teuer erkauft.
versetz dich zurueck, an den neujahrstag. du beginnst das jahr, das halbe freie, um genau zu sein,
und bereitest dich vor auf die naechsten fuenf jahre. sammelst neues wissen, entwickelst neue kompetenz, machst dich fit. kuemmerst dich um den und die, und ueberrascht deine liebsten.
tun.
tu ich ja. ich bereit mich ja vor, auf das neue leben,
und, so nicht ganz nebenbei,
auf das andere, wichtige, wie die griechen es wußten:
muß ich ja nicht wiederholen,
nicht zu dick auftragen, aber du sprichst mir das nicht ab:
das sterben lernen; und das mich-kuemmern;
auf ungeahnte weise.
will dir nichts boeses. im gegenteil. aber fuer den fall, daß du dich verrannt hast, und es so unendlich schwer waer, das zuzugestehen: mir kannst du’s ja sagen. oder auch nicht, ich wuerd dich verstehen, so oder so.
und im uebrigen: auch jetzt noch kannst du das rad ja, das ruder noch, die wochen, die monate sogar;
halt die zeit an;
laß den fruehlingstag warten, lang dauern, zum ausgangspunkt werden fuer eine uebung, an deren ende du nicht – moeglicherweise – blaetter zurueckschnurren laesst, leere blaetter zum stoss der leeren blaetter legst,
sondern aufgehst in einem unbezweifelbar gewissen,
deine neue bestimmung findest.
halt dich fest, laß dich nicht von schriftzeichen treiben, und taeuschen.
du verstehst mich nicht. nichts. verstehst du. ich kann taki nicht wieder eingrenzen, ihr rascheln ist aus der box, ist im leben. ihr vater ist noch mal begraben worden in ihren worten. ich kann max seine hoellen und himmel nicht ersparen, rueckwirkend; er ist unterwegs, offen verwundbar und angeschlagen, und ich kann ines nicht, und marie, und jana, und ivana; wegtun.
sie leben.
ich hab es schluepfen lassen, es ist aus dem ei.
muß mich darum kuemmern.
und jan braucht mich auch.
hab’s ja in der hand, die geschichte mit seinem herzen.
das glaubst du ja selbst nicht.
ich glaub gar nichts, ich weiß es.
verzeih mir, aber da schreibst du aus deinem schneckenhaus heraus, wie du das nennst, nicht nur einen brief, an deinen besten freund, der dich verlassen hat,
nein, du schreibst an deinem bilderbuch,
um die wette, wie du selber sagst, mit dir selbst, mit dem tod,
mal gut, mal boese,
verkriechst dich in eiseskaelten der gefuehle,
und rennst vor den feuerstuermen davon, in den schnee,
und tuermst was auf,
das soll einer verstehen,
und in dem kauderwelsch suchst du was.
leben als buchstaben-projekt.
tust dir dabei ununterbrochen weh.
hast angst vor dem scheitern.
ist dir dein leben nicht gut genug? nicht schwierig genug? schoen genug?
du hast was vergessen:
die wahl haben. weißt du noch, war meine triebfeder. fuer das neu werden im alt werden.
und meine verrueckte liebe zum papier, mit dem parfum aus arizona, und dem haar aus paris,
papier ist geheimnis,
eigenart und leichteste form von eigentum,
nicht fronarbeit im tagbau der broeckelnden botschaften;
das zusammenbringen hat mich gepackt,
auf losen blaettern,
die freiheit des-sich-kein-blatt-vor-den-mund-nehmens. weißt du noch?
jetzt hab ich schon ein stolzes buendel freiheit.
das will ich nicht auf maria lichtmess zurueckschrauben oder im stefanifeuer im schnee verbrennen.
koennt ich;
werd ich vielleicht auch,
aber wenn, dann naechstes jahr,
oder in ein paar jahren,
aber ich werd’s nicht im rueckwaertsgang ungeschehen machen.
werd’s zu ende bringen.
meine freiheit.
und deine verantwortlichkeit? das elend mit der freiheit,
in den nuller jahren...
hoer auf.
ich glaub ich versteh, was dich umtreibt.
aber bitte versteh auch, dass meine verantwortlichkeit an diesem punkt meines lebens mit dem zu tun hat, was ich schon lange abgeschrieben hatte.
und gibt’s einen leser? die frage hast du nicht gern.
weiß ich noch nicht.
moecht schon teilen.
vieles bedeutet mir mehr als ich es sagen kann. denk ich.
aber von den schlafbaeumen im jaenner bis zum milden fruehjahrstag vor dem fenster: bearbeitetes papier, das ich nicht wieder zuruecklege, zurueckschreibe, leer mache. kein zurueck.
war ein schoenes stueck arbeit.
muesst schon mit dem teufel zugehen, wenn sich so gar nichts ausginge.